Betrachtungen zur Malerei des Expressionismus

Der Expressionismus ist in seinem Wesen eine Kunst, die besonders von Einzelpersönlichkeiten geprägt wurde. Als eine europäische Kunstrichtung entwickelte sie im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts ihre besonderen Merkmale

.

Nicht alles, was bunt, bewegt und leidenschaftlich gemalt ist, flächenhaft und skizzenhaft gezeichnet wird, verdient den Namen Expressionismus. Leider wird heute alles als Expressionismus bezeichnet, was gewisse Ähnlichkeiten mit dem Malstil aufweist. Oftmals ist es so, dass Menschen Kreativität mit Nachahmung verwechseln, weil sie es nicht besser wissen und können, auf Grund fehlenden Wissens und mangelnder Fertigkeiten.
Der Expressionismus ist mehr als nur seine maltechnische Nachahmung. Leider wird in der heutigen Zeit diese Bezeichnung oftmals inflationär benutzt. Betrachtet man diesen Kunststil eingehender, dann wird augenfällig, dass er eine Weltanschauung

verkörpert, die Einfluss nahm, sowohl auf die Bildende Kunst als auch auf Literatur, Film, Theater, Tanz und Pantomime. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sind seine Anfänge erkennbar. Sie wirken nach bis Mitte des 20. Jahrhunderts und beeinflussten maßgeblich alle Arten der Malerei, wie Genremalerei, Landschaftsmalerei, Blumenmalerei, Aquarellmalerei, usw.
Heute ist er ein allgemeiner Kunststil, der unterschiedliche Modifikationen durchlebte, z. B. vom Abstrakten- bis zum Informellen Expressionismus, der gestischen Malerei (action painting). Vielfältige Ausdrucksarten hatte der Expressionismus durchlaufen und die darauf folgenden Künstler und Kunststile maßgeblich mit geprägt.

Eine wesentliche Eigenschaft, die den Expressionismus kennzeichnet, ist die Vereinfachung der Form zum Flächenhaften und eine kontrastreiche Farbpalette, die das Ausdrucksvermögen mit dem Anspruch der inneren und aufrichtigen Wahrheit steigern sollte. Einhergehend mit einem leidenschaftlichen Streben nach unmittelbarem Ausdruck der Gefühle un 26.02.2012individuellen Bildaussagen. Er strebte nach einer Erneuerung, der er mit großer Gebärde und Leidenschaft Ausdruck verlieh. In gleicher Weise lehnte er die damalige akademische, wie auch allmählich erfolgreiche impressionistische Bewegung ab.

Dieser Ausdrucksdrang wurde am deutlichsten in der Malerei und Grafik verwirklicht. Als Ahnherr dieser Ausdruckskunst wird Vincent van Gogh (1853-1890) gesehen. Er ist neben Paul Gauguin (1848-1903) einer der ersten Künstler, die leidenschaftlich nach Erneuerung in der damaligen Kunstszene suchten. Beide, van Gogh und Gauguin, suchten diese Erneuerung auf unterschiedliche Weise. Auch in der Biographie beider Künstler wird sie beeindruckend dokumentiert. Natürlich muss auch Paul Cézanne (1839-1906) erwähnt werden, der ebenfalls bahnbrechend für die moderne Malerei war. Von der impressionistischen Bewegung kommend, ging er doch eigene Wege, auf der Suche nach einer individuellen künstlerischen Bild-aussage.

Cézanne (1839-1906)
"Selbstbildnis" - Aquarell - 1895

"Die Farben wurden für uns zu Dynamitpatronen."
André Derain

Der Expressionismus ist eine antinaturalistische Bewegung, deren Namensgebung von Herwarth Walden (1911) stammt.

van Gogh (1853-1890)
"Selbstbildnis mit grauem Hut" -1887-

 

Gauguin (1848-1903)
"Selbstbildnis" - 1896
Obwohl van Gogh und Gauguin eine zeitweilige Arbeits- und Lebensgemeinschaft verband, waren sie doch Einzelkämpfer in der Verwirklichung ihrer künstlerischen Ziele. Allerdings ließen ihre zu unterschiedlichen Kunst- und Lebensauffassungen keine dauerhafte Künstlergemeinschaft zu. Beide standen dem Impressionismus anfangs wohlwollend und lernend, später aber kritisch gegenüber und jeder prägte auf seine Weise die Grundideen des Vor-Expressionismus mit. Sie wirkten anregend auf die nachfolgenden Künstler, wie die Nabis, Symbolisten, Fauvisten und Expressionisten. Cézanne, dem Impressionismus nahestehend, ebnete mit seiner analytischen Kunstauffassung von Formen und Farbmodellierungen den Weg der modernen Malerei.


Während van Gogh und Gauguin die Anerkennung zu Lebzeiten versagt blieb, wurde Cézanne erst im fortgeschrittenen Alter als würdiger Begründer der modernen Malerei geehrt. Heutzutage gelten sie als die anerkannten Väter des Expressionismus und der modernen Malerei. Der Weg zur Abstraktion und Expression in der künstlerischen Entwicklung war nun geebnet und nachfolgende Künstlergenerationen konnten darauf aufbauen und weitere künstlerische Tendenzen entwickeln. Unvermischte Farben, dynamische Formen und die Vereinfachung der Komposition wurden nun zu stilistischen Ausdrucksmitteln. Die öffentliche Kunstszene nahm das widerwillig zur Kenntnis und Kunstkritiker bezeichneten die Malerei als barbarisch und wild. Schon war der Name "Les Fauves" (die Wilden) kreiert und in aller Munde. Es waren junge unabhängige Künstler, die 1906 im Salon Des Indépendents ihre Bilder ausstellten und vom Publikum heftigst kritisiert wurden. Henry Matisse (1869-1954) war neben Maurice de Vlaminck (1876-1958) und André Derain (1880-1954) einer der führenden Künstler dieser Gruppe. Nicht mehr das Naturvorbild wollten die Expressionisten abbilden und nachahmen, vielmehr durch neue leuchtende, bunte Farb- und Formkompositionen die Natur aus einer psychologischen und subjektiven Sicht heraus neu definieren und ihr Drang nach schöpferischer Freiheit sprengte die gegenwärtige Auffassung der Malerei.

Die Bezeichnung "Les Fauves" (Die Wilden) wurde voller Empörung vom Pariser Kritiker Vauxcelles (1905) geprägt, als er die knallbunten, abschreckenden Bilder der Gruppe um Matisse sah. Matisse und die Gruppe wiederum machten aus dem Schimpfnamen einen künstlerischen Markenartikel mit viel Wirkung. Alles andere als wild und barbarisch war ihre Malerei, vielmehr war sie durchdrungen von einer Kunstauffassung, die instinktiv und sehr leidenschaftlich mit der bildnerischen Aussage umging, auch wenn das Ergebnis auf die damalige Kulturgesellschaft abschreckend, grell, bunt und äußerst vitalisierend wirkte.

Das Farbspektrum der Malerei war gewöhnungsbedürftig und die formalen Aspekte äußerst vereinfacht, teilweise unbeholfen, als könnten die Künstler nicht vernünftig zeichnen und malen. Dies entsprach jedoch ihren künstlerischen Intentionen. Schon bald verbreitete sich die neue Malerei in der Kunstszene Europas und entwickelte sich allmählich zu einem eigenständigen Kunststil, der viele Künstler motivierte und zu weiteren neuen und vielfältigen Bildaussagen anregte. Bedeutende Maler wie Matisse, Derain, Vlaminck, Dufy, Braque und andere gehörten zu den Fauves. Die stilistischen Grundlagen der neuen Malerei wurden von ihnen sowohl in farbiger, formaler als auch kompositorischer Hinsicht gelegt und modifiziert. Eine neue geistige Bewegung tat sich nun auf, die besonders in Deutschland auf fruchtbaren Boden stieß.Z.B. wurde Dresden zu einem bedeutenden Zentrum des frühen Expressionismus.

Architekturstudenten, wie Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) und Erich Heckel (1883-1970) gründeten 1905 die Künstlergruppe "Die Brücke". Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976) und Max Pechstein gehörten ebenso zum engen Kreis dieser Künstlergruppe. Aber schon 1913 löste sich die Gruppe auf Grund zu unterschiedlicher Zielsetzungen auf. Ein modernes und leidenschaftliches Lebensgefühl wurde in ihren Werken formuliert und als Protest gegen die bürgerliche Gesellschaft und ihren Konventionen zum Ausdruck gebracht. Dazu bedienten sie sich eines Farb- und Formspektrums, das teilweise grob, disharmonisch, bedrängend, zerrissen und trübe war.
Erwähnenswert sind Emil Nolde (1867-1956) und Otto Müller (1874-1930), die zeitweilig den "Brücke Malern" verbunden waren.

Franz Marc
(1880-1916)

"Blaues Pferd I" - 1911


August Macke
(1887-1914)

"Leute am blauen See"
- 1913 -

Auffallend sind die bekannten Blumen- und Landschaftsmalereien Emil Noldes, besonders seine Aquarelle, die eine farbige Leuchtkraft ausdrucksvoll vermitteln und wohl zur schönsten Malerei des Expressionismus gehören. Auch Oskar Kokoschka (1886-1980) wandte sich der Ausdruckskunst des Expressionismus zu, mit der Absicht einer neuen psychologischen Porträtkunst. Es ging ihm darum, menschliche Grundstimmungen sichtbar zu machen und auch der jung verstorbene Egon Schiele (1890-1918), vom Jugendstil kommend, fand den künstlerischen Weg zum Frühexpressionismus.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt des Expressionismus war auch das Bemühen um eine neue bildnerische Aussage eines tief empfundenen Menschenbildes, weg von der naturalistischen Darstellung des Menschen und hin zum vereinfachten, flächenhaften aber ausdrucksvoll gemalten Bildnis, das eher spontan, gestisch und maskenhaft anmutet und vorrangig durch eine kräftige Farbpalette auffällt. Ein Meister dieser menschlichen Ausdruckskunst war z.B. Edward Munch (1863-1946). Vielfältige Facetten entwickelten sich innerhalb des Expressionismus.
Eine weitere Entwicklung nahm der Expressionismus um Kandinsky (1866-1944), der als Mitbegründer der Künstlergemeinschaft "Der Blaue Reiter" gesehen wird und eine konsequente Weiterentwicklung zur abstrakten Kunst vollzog. 1911 wurde die Künstlergruppe in München gegründet, der vor allem Franz Marc, August Macke, Paul Klee, Heinrich Campendonk und Gabriele Münter angehörten. Sie verzichteten konsequent auf naturtreue, nebensächliche Details und alles Abbildhafte. Wichtig war ihnen ursprüngliches Schaffen, das aus einer inneren Wahrnehmung heraus das empfundene Erscheinungsbild neu interpretiert. Das Wesentliche sollte sichtbar gemacht werden. Franz Marc (1880-1916) verwirklichte in seiner Kunst sehr deutlich diesen Anspruch durch seine Tierbilder. Leider zerstörte der 1.Weltkrieg, in dem er fiel, alle seine weiteren Intentionen. Ebenso bedeutsam ist August Macke (1887-1914), der einen ganz eigenen künstlerischen Weg ging und im ersten Weltkrieg verstarb.

Der Expressionismus und seine vielfältigen Modifikationen hat bis heute an Aktualität nichts eingebüßt. Wurde er in den Anfängen heftigst angefeindet und abgelehnt, so findet er heute reichlich Anerkennung und die heutigen Kunstpreise bestätigen das immer wieder. Der Kunstmarkt der expressionistischen Malerei hat sich zu einem einträglichen Wirtschaftsmarkt entwickelt und wird mehr denn je als gewinnbringende Kapitalanlage gesehen. So verwundert es nicht, dass heute sowohl viele Kunstlaien, als auch Profikünstler diesen Kunststil profitorientiert nachahmen.

Zusammengefasst war der Expressionismus eine Widerstandsbewegung junger Künstler, die vor allem auf deutschem Boden fruchtete. Als eine antinaturalistische Bewegung gaben die Künstler sich nicht mehr damit zufrieden, die Erscheinungswelt, so wie es z.B. die Impressionisten taten, zu ergründen. Für sie war Kunst mehr als das. Kunst hatte für sie eine Bedeutung, z.B. etwas hinter der Form sichtbar zu machen, was im Naturalistischen so nicht sichtbar und erkennbar ist. Schon die Malerei des nordischen Mittelalters, wie bei Dürer, aber auch Matthias Neidhard Grünewald (durch seinen Isenheimer Altar weltbekannt) bediente sich expressiver Formen, Proportionen, Gestiken und Farbigkeiten, die bestimmend für die deutsche expressionistische Malerei wurde.
Auch die Suche nach einer zeitgemäßen und menschenwürdigen Weltanschauung formte den Expressionismus, der nicht nur ein bildnerischer Aufschrei war, vielmehr eine entwicklungsbedingte Auseinandersetzung der damaligen gesellschaftlichen Strukturen in geistiger, psychischer, kultureller, materieller und wirtschaftlicher Hinsicht. Gewaltsam wurde zwischen 1933 und 1944 der Expressionismus von den Nationalsozialisten verfemt und verboten.
©  H.W. Knorr - 2001


© Die Bilder wurden dem CD-Rom-Bildkatalog "5555 Meisterwerke"
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© Text: H.W. Knorr - Mönchengladbach - 2001
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