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Betrachtungen zur Landschaftsmalerei

Prolog:

Wollte man Landschaftsmalerei entwicklungsbedingt in ihren vielfältigen Aspekten dokumentieren, so ist man gezwungen, sie in einzelne Aspekte aufzuschlüsseln. So komplex ist ihre Entwicklung in den letzten Jahrhunderten in der europäischen Kunst verlaufen, dass es unmöglich erscheint, sie angemessen zu vermitteln, ohne dabei ihre geistigen, symbolischen und künstlerischen Inhalte zu berücksichtigen. Um sie in einem Gesamtzusammenhang verständlich dar-zustellen, bedarf es der Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte und ihrer Sinngebung. Warum Landschaftsmalerei? Welche Ziele beinhaltet sie? Welchen Sinn und Zweck erfüllt sie, usw.? Gegenwärtig fristet sie mehr ihr Dasein in alten Kleidern, als dass sie im künstlerischen Bereich großartig beachtet wird. Um so mehr erfreut sie sich bei den Hobby- und

Freizeitmalern großer Beliebtheit. Sie halten heute die Landschaftsmalerei in großen Ehren. Auch wenn sie sie recht und schlecht nachahmen und abbilden, so entstehen doch immer wieder interessante und bemerkenswerte Ergebnisse. Leider besteht in der Öffentlichkeit eine zwiespältige Meinung zur Land-schaftsmalerei und die künstlerische Auseinandersetzung mit ihr ist auch eher ablehnend, bis auf wenige (aber Ausnahmen bestätigen die Regel), so dass es schwierig ist, ihr einen würdigen Platz zuzuweisen. Trotzdem wird ihr eine gewisse Popularität nicht abzusprechen sein, auch wenn sie vom künstlerischen Standpunkt heute eher ein abstraktes Gebilde ist, das in der professionellen Malerei gestische Züge angenommen hat. Ihre naturalistischen, ideellen und symbolischen Aspekte haben heute so ziemlich ihre Bedeutung verloren. Man kann darüber denken wie man möchte, aber gut getan hat es der Landschafts-malerei vom prädikativen Aspekt sicherlich
nicht. Trotzdem sollte man niemandem die Begeisterung und den guten Willen für dieses Sujet absprechen. Landschaftsmalerei wird es auch in Zukunft noch geben und es bleibt zu hoffen, das 26.02.2012 lächlichen und substanzlosen Inhalten, bessere und tiefgründigere Zeiten sehen wird, sodass wieder auf ihre Essenzen und lohnenswerten Inhalte eingegangen werden kann. Die Geschichte hat gezeigt, zu welchen tiefgründigen Inhalten sie fähig ist. Sie ist eine der komplexesten Ausübungen in der bildenden Kunst und warum sollte es nicht möglich sein, ihr durch gute Ausübungen ein besseres Prädikat zu verleihen. Die folgenden Gedanken über sie sind ein Beitrag, einige ihrer Aspekte angemessen zu dokumentieren. An Hand einiger Kapitel soll die Komplexheit dieses Sujets veranschaulicht werden.

Einige ihrer wesentlichsten Aspekte des 17./18. Jahrhunderts

Die Landschaft als Spiegelbild menschlicher Empfindungen einzusetzen, sie als geistiges und seelisches Abbild der Natur zu betrachten, Gott in der Natur als Ideal bildsymbolischer Inhalte zu verwenden und sie als Bühne meditativer und beschaulicher Betrachtungen in ihrer formalen und farbigen Ausdruckskraft darzustellen, sind geläufige und bekannte Aspekte, die besonders in der Landschaftsmalerei des 18./19. Jahrhunderts, speziell der Romantik, einen hohen Stellenwert einnahmen.

Philipp Otto Runge (1777 - 1810)
"Der Morgen" 1808

Philipp Otto Runge gilt als einer der Persönlichkeiten der deutschen früh-romantischen Kunst. Er war Maler, Zeichner und Kunsttheoretiker. Seine romantischen Ideen und sein religiöses Naturgefühl wurde in Symbolbildern malerisch zum Ausdruck gebracht. "Der Morgen" verkörpert ein eigenständiges Weltbild.

Auch C.D. Friedrich, Maler und Zeichner gehört zu den bedeutendsten Repräsentanten der deutschen Romantik. Seine Naturgemälde verkörpern religiös-symbolhafte Inhalte, die fast ausschließlich durch seine Landschaftsmalerei zum Ausdruck kommen.


C.D. Friedrich (1774 - 1840)
"Einsamer Baum"

Landschaft nicht nur als Veduten und Panoramen zu sehen, die das Beschauliche und Wohlgefällige ins Auge fassen, sie auch als allegorischen Schauplatz inhaltlicher Beschreibungen zu begreifen, ist weiterhin eine enorme Bereicherung zum Verständnis der Natur- und Landschaftsbilder. Landschaft in ihrer Reichhaltigkeit künstlerisch darzustellen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die leider von vielen unterschätzt wird. Auch wenn Landschaftsmalerei heute zu einem der beliebtesten Sujets gehört, wird sie im Allgemeinen als subjektives Abbild behandelt, ohne ihre tiefergehenden Aspekte dabei eingehender zu berücksichtigen. Gerade die Landschaftsmalerei ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Sie beschränkt sich nicht nur auf ihr Abbild, das meistens ungenügend erfasst wird, sie enthält auch eine Vielzahl an Kriterien, die erst dem Erfahrenen auffällig werden.

Canaletto (1667 - 1768)
"Der Hof des Steinmetzes" - 2.Drittel 18. Jh.

Canaletto, italienischer Maler und Radierer, schuf beeindruckende, atmosphärisch erfüllte Stadt-Landschaften, die zu seiner Zeit sehr gefragt waren. Durch eine von den niederländischen Malern beeinflusste Sehweise, malte er zeichnerisch präzise und detailgetreue Vedutenbilder. Seine besten Bilder beeinflussten die Künstler und Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts.

Canaletto (1667 - 1768)
"La Piazza San Marco" - 2.Drittel 18. Jh.

Dürer (1471 - 1528)
"Weiher im Walde" - 1495

Albrecht Dürer gehört wohl mit zu den größten und vielseitigsten Persönlichkeiten der Kunstgeschichte. Seine Aquarelle und Zeichnungen sind schon Ausdruck eines ungewöhnlichen Naturalismus. Besonders die deutschen und niederländischen Künstler der Folgezeit prägte er maßgeblich mit seinen Bildern.

Allein die naturgetreue Wiedergabe einer Landschaft als Gemälde bedarf grundlegender Kenntnisse, die durch aufmerksame Beobachtung und Studien der einzelnen Landschaftselemente erlernt werden müssen. In der Vedute, die eine sachlich getreue Abbildung einer Landschaft oder eines Stadtbildes ist, ordnen sich der Naturwiedergabe Perspektive, Licht und Schatten (Hell-Dunkel-Malerei), Strukturen, Formen, Farben und die zahlreichen anderen Gestaltungselemente unter. Im 17. Jahrhundert wurde die Vedutenmalerei begründet und erreichte besonders im 18. Jahrhundert z.B. durch Maler wie Canaletto, Piranesi, Guardi ihre Blütezeit. Betrachtet man die Landschaftsaquarelle Albrecht Dürers von seinen Italienreisen, so wird erkennbar, dass er durch seinen Naturalismus die Vedutenmalerei durchaus schon praktizierte.



           

Dürer (1471 - 1528)
"Tal von Kalckreuth" - 1500
Nun beschränkt sich die Landschaftsmalerei nicht nur auf die Vedute, sie hat auch idealisierenden Charakter, der nicht nur in der Romantik des 18./19. Jahrhunderts zum Ausdruck kam, vielmehr schon in der Renaissance seine Anfänge nahm, z.B. Altdorfer, Dürer, Leonardo, Elsheimer. Besonders gegen Ende des Manierismus (ungefähr 1520 - 1650), der Zeit zwischen Renaissance und Barock, wurden lichterfüllte Ideallandschaften geschaffen, die als Schauplatz mythologischer und religiöser Szenen dienten. Annibale Carraci (1560-1609) nahm in seinen Landschaftsbildern einfühlsam schon die Vorstellung einer idealen Landschaft vorweg, die erst durch Claude Lorrain und Nicolas Poussin ihren Höhepunkt erreichte. Seine vorzüglichen Landschaften, die er mit religiösen und mythologischen Themen füllte, waren harmonisch, klar und naturgetreu komponiert. Er beeinflusste viele spätere Künstler der Landschaftsmalerei, so auch Claude Lorrain (1600 - 1682).
Dieser gehörte zu den Meistern der klassischen Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts. Seine gemalten Landschaften verkörpern geradezu den Typus der idealen Landschaft, die er szenarisch in Licht und Atmosphären tauchte und dabei schon bildnerisch den Gedanken der Romantik vorwegnahm. Wurden seine frühen Gemälde durch dramatische und auffällige Lichteffekte kunstvoll gestaltet, so änderte sich das in seinem Spätwerk, wo ruhige und milde Lichtwirkungen vorherrschend sind. Während seine Werke einen regen Einfluss auf Turner ausübten, wurde er durch die ausdrucksstarken Landschaften Adam Elsheimers (1578 - 1610) beeinflusst. Ein französischer Zeitgenosse Lorrains war Nicolas Poussin (1594 - 1666), der ein bedeutender Vertreter des Klassizismus war und durch seine Gemälde mit Themen antiker und mythologischer Inhalte auffällt. Seine Landschaften zeichnen sich durch den Habitus heldenmütiger und heldenhafter Gestalten der antiken Mythologie aus, mit einem monumentalen Landschafts-Charakter, der heroischen Landschaft.
Die Landschaftsmalerei erreichte in ihrer formalen und künstlerischen Ausprägung im 17. Jh. einen beachtlichen Entwicklungsstand. Wenn man davon ausgeht, dass als erste naturnahe Darstellung in der europäischen Malerei das Gemälde von Konrad Witz (um 1400 bis ca. 1445) „Der wunderbare Fischzug“ als bestimmbare Landschaft betrachtet wird und man dann im Vergleich dazu die Landschaftsmalerei des 17. Jh. sieht, dann wird deutlich erkennbar, welche enormen Fortschritte in diesem Sujet in formaler und künstlerischer Hinsicht stattfanden. Die Auffassung, das Verständnis und die bildnerische Sehweise zur Landschaft veränderten sich und prägten die künstlerische Umsetzung der Landschaftsmalerei, die eigenständiger und virtueller wurde. Sie wurde gleichwertiger und selbständiger Schauplatz neben den religiösen, historischen und antiken Bildthemen. Sie war nicht mehr nur Staffage und Hintergrund für die zeitgenössische Malerei. Man nutzte die Entdeckung der zentralperspektivischen Projektion (im 15. Jahrhundert durch Filippo Brunelleschi entdeckt und weiterentwickelt), die den Schauplatz einer räumlichen Darstellung bildlich sichtbar machte und verstand es, die Elemente der Landschaft naturgetreu darzustellen.

Meindert Hobbema (1638 - 1706)
"Allee von Middelharnis" - 1689

Meindert Hobbema, holländischer Maler, war ein Meister der perspektivischen Landschaftsmalerei. In seinen naturnahen Bildern kommen zeichnerische Fähigkeiten, Liebe zum Detail und atmosphärische Wirkung zum Ausdruck. Auf die englische Malerei übte er im 18./19. Jahrhundert einen nicht unerheblichen Einfluss aus.

"Allee von Middelharnis" ist ein perspektivisches Meistewerk.

Meindert Hobbema (1638 - 1706)
"Dorf mit den Wassermühlen" - 1668

Dies war eine enorme Bereicherung für die damaligen Künstler, da sie bisher etwas unbeholfen den Raum darzustellen wussten. Nun konnte man Handlungs-Szenen in einen optisch dreidimensionalen Raum einbetten und der Gedanke, den später John Constable (1776 - 1837) formulierte: „ Landschaftsmalerei ist die auf Kunstinhalte gebrachte Natur“, realisierte sich allmählich. Sie war jetzt nicht mehr nur formelhaft und rudimentär. Sie wurde zur Schaubühne, in der sich reale Handlungen und Ereignisse abspielten. Illusionistische, naturgetreue Raumdarstellungen waren jetzt möglich und die Landschaftsmalerei entwickelte sich mehr denn je zu einer selbständigen Kunstgattung mit explorativem und künstlerischem Gedankengut. Alle Landschaftselemente wurden erforscht, studiert, realisiert, sachlich, naturgetreu, mit Licht und Schatten und einer neuen Farbigkeit gemalt. Stimmungen, Atmosphären und Idylle wurden durch einen Tiefenraum dargestellt.
Im 18. Jh. schien es fast so, als hätte die Landschaftsmalerei ihren endgültigen Höhepunkt erreicht. Da sie sich kaum mehr weiter zu entwickeln schien und alles ausgeschöpft wurde, was die inhaltliche, naturgetreue und reale Wiedergabe betrifft, entwickelte sich eine neue geistige Grundhaltung zur Landschaftsmalerei. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts formierte sich diese subjektive, geistige Auffassung sowohl in Philosophie als auch Literatur, Kunst und Musik zur uns heute bekannten Romantik, die sich im 19. Jh. in der europäischen Kunstwelt ausbreitete. Die Künstler konzentrierten sich auf verschiedene Schwerpunkte der landschaftlichen Darstellung.
Vorab machte schon z.B. Jacob Ruisdael (1628 - 1682) die Landschaft zu einer Bühne und zum Träger von subjektiven Empfindungen. In seinen schwermütigen Wald-, Sumpf- und Dünenlandschaften, die er sachlich darstellte, ist die Vorwegnahme der empfundenen Natur, die sich erst in der Romantik vielfältig realisieren sollte, erkennbar. Gerade in der holländischen Malerei entwickelten sich Künstler immer mehr zu virtuellen Spezialisten. So wie sich die Malerei in Porträt, Akt, Landschaft, Stillleben , Interieur, usw. aufschlüsselte, so teilte sich die Landschaftsmalerei ebenfalls in unterschiedliche Sujets auf. Im 17. und 18 Jahrhundert entstanden vielfältige Landschaftsarten: z.B. die Marine-, Wald- und Dünenlandschaft, Vedute, Panorama, Parklandschaft, die idealisierte und heroische Landschaft, Pastorale Landschaft, Stadtansichten, usw.

Besonders die Vertreter der niederländischen Genremalerei, die Szenen des Alltagslebens mit landschaftlichen Verknüpfungen realistisch und meisterhaft darzustellen wussten, waren hochentwickelte Spezialisten (Peter Paul Rubens (1577 - 1640), Jan van Goyen (1596 - 1656), Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1608 - 1669), Aelbert Jacobszoon Cuyp ( 1620 - 1691), Paulus Potter, Pieter de Hooch  (1629 - 1684), Jan Vermeer, Willem van de Velde d.J.(1633 - 1707), usw.)
Pieter Bruegel d.Ä.
(um 1525 -1569) gestaltete schon im 16. Jh. realistische Landschaftsbilder, die panoramahafte und atmosphärische Charaktere aufweisen. Es sind hervorragend gemalte Landschaften, die durch biblische und mythologische Szenen bereichert wurden. Auffallend sind seine „Zyklus Monatsbilder“, die die Stimmungen der Jahreszeiten eindrucksvoll darstellen. Auch er nahm in seinen Landschaftsbildern, dem Genre, dem er sich zeitlebens verpflichtet fühlte, Bildideen vorweg, die spätere Künstler zur eigenen autarken Landschaftsmalerei verwerteten.
Vielfältig ist bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die Entwicklung der europäischen Landschaftsmalerei gewesen. Aber der eigentliche künstlerische und ideelle Durchbruch dieses Genres sollte erst im 19 Jh. stattfinden, der die Landschaftsmalerei in jeder Hinsicht von allen Bindungen an die optische, formale Naturtreue freimachen sollte. Landschaft war jetzt nicht mehr nur Abbild und Naturtreue in der Handlungsszenen und allegorische Beschreibungen ihren Platz fanden, sie wurde Trägerin vielfältiger künstlerischer Auffassungen und Sinnbild symbolischer, geistiger, religiöser und kontemplativer Inhalte. Z.B. die Schule von Barbizon und die impressionistische Landschaftsmalerei entdeckten und erforschten die Landschaft vor Ort neu und interpretierten sie auf eine eigene Weise, indem sie dem Farbspektrum einen besonderen bildnerischen Aussagewert zuordneten.
Das 20. Jh. revolutionierte und transformierte sie formal und inhaltlich, von der naturalistischen Darstellung über die expressionistische, bis hin zu ihrer visuellen Auflösung. Aber das sind andere Kapitel. Zu umfassend ist ihre Entwicklung in den letzten 200 Jahren in der europäischen Kunst verlaufen, als dass sie mit einigen Sätzen angemessen dargestellt werden könnte.

©  H.W. Knorr - 2001


© Die Bilder wurden dem CD-Rom-Bildkatalog "5555 Meisterwerke"
DIRECTMEDIA Publishing GmbH - Berlin entliehen.

© Text: H.W. Knorr - Mönchengladbach
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